Hygiene in China – Von der Einführung westlicher Wissenschaften in China bis zur Hygiene in der harmonischen Gesellschaft – Michaela Diercke

In China gibt es bereits vor der Einführung westlicher Wissenschaften Hygienemaßnahmen und –konzepte sowohl im privaten wie auch im gesellschaftlichen Raum. Diese Konzepte unterscheiden sich aber zum Teil in signifikanter Weise von unseren westlichen Vorstellungen. Die Sinologin Michaela Diercke zeichnet die Geschichte des Hygienebegriffes in China nach und zeigt den Wandel, dem er unterliegt, sei es aus ideologischen oder kulturellen Gründen, auf. Obwohl das Konzept übertragbarer Krankheiten in China bereits vor der Einführung der westlichen Medizin bekannt ist, wird es im weltanschaulichen Kontext des Geister- und Dämonenkultes und später im konfuzianistischen Sinne auf sehr andere Art gedeutet. Das westliche Konzept von Hygiene kommt erst im späten 19. Jahrhundert ins Land. Dies geschieht über von Missionaren betriebene Gesundheitsstationen, lässt sich aber auch über immer mehr in die Heimat zurückkehrende Chinesen, die im Ausland studiert hatten und den Einfluss Japans auf China in dieser Zeit erklären. Die ersten Probleme stellen sich hier bereits bei der adäquaten Übersetzung des westlichen Konzeptes. Heute wird für Hygiene der Begriff „weisheng“ verwendet (von „wei“ für bewahren/beschützen und „sheng“ für Leben). Der von dem japanischen Arzt Nagayo Sensai gewählte Begriff transportiert neben den neuen Konnotationen auch den Chinesen bereits bekannte daoistische Konzepte mit. Um diese Zeit erfährt der Hygienebegriff in China eine Bedeutungserweiterung, die neben individuellen Hygienemaßnahmen nun auch den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmen umfasst. Als Anfang des 20. Jahrhunderts in der Mandschurei die Lungenpest ausbricht, leisten in westlicher Medizin ausgebildete Ärzte (neben begünstigenden politischen Spannungen) durch erfolgreich durchgeführte Quarantänemaßnahmen ein gutes Stück Überzeugungsarbeit zu Gunsten des neuen Hygiene-Konzeptes. Im Zuge der Vierte-Mai-Bewegung wird Hygiene in China aber auch immer wieder zu ideologischen Zwecken instrumentalisiert. Ziel der „patriotischen Hygienebewegung“ ist dabei neben der Bekämpfung von Infektionskrankheiten auch die Politisierung und Mobilisierung der Massen zu nationalistischen Zwecken. Nach dem Tode Maos und während der stückweisen Öffnung Chinas wird Gesundheit auch zur Bürgerpflicht, die den wirtschaftlichen Aufschwung mit absichert. Das später von Hu Jintao eingeführte Konzept der „harmonischen Gesellschaft“ wird auch auf die Hygiene übertragen und soll helfen, das von Korruption und mangelhaften Krankenversicherungssystemen erschütterte Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient wiederherzustellen.

Die Entwicklung der Hygiene in China zeigt, wie sich zunächst scheinbar vollkommen inkompatible kulturelle Vorstellungen miteinander verzahnen und ineinander integrieren lassen. Ein interkultureller Austausch kann dabei den Horizont auf beiden Seiten erweitern und letztlich das Verständnis füreinander und das Verständnis der eigenen wie auch der fremden Hygienekonzeption erweitern und vorantreiben.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

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